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Stefan Zweig an seinem Schreibtisch in Salzburg (Mitte der 1920er Jahre)/ Quelle: Stefan Zweig Center

Stefan Zweigs pädagogische Herausforderung
Ludwig Laher

Stefan Zweig liebte einst Salzburg und lobte die Stadt in den höchsten Tönen. Doch schon zu Zeiten des Ständestaats verhielt man sich ihm gegenüber hier höchst ungebührlich, sodass er 1934 seine Zelte abbrach, fortan in England lebte und nach seinem letzten Wien-Besuch 1937 resigniert festhielt, an Salzburg, der Stadt, wo er zwanzig Jahre gearbeitet habe, sei er vorbeigefahren, ohne auszusteigen. Vom Waggonfenster aus hätte er zwar sein Haus am Kapuzinerberg sehen können mit all den Jahren abgelebter Erinnerung. Aber er habe nicht hingeblickt, wozu auch, er würde es doch nie wieder bewohnen.

Nur Monate später hieß es auf dem Salzburger Residenzplatz anlässlich der NS-Bücherverbrennung markig: ‚Ins Feuer werf‘ ich das Buch von Stefan Zweig, daß es die Flammen fressen wie alles jüdische Geschreibe. Frei erheb‘ sich, geläutert, der deutsche Geist!‘

Noch 1956, als es galt, den 75. Geburtstag des 1942 durch eigene Hand im brasilianischen Exil aus dem Leben geschiedenen Dichters zu feiern, wurde der bereits weit gediehene Plan einer Umbenennung des Passionsweges aus der Stadt hinauf zu Zweigs ehemaligem Wohnhaus wieder abgeblasen, weil im Gemeinderat ernsthaft religiöse Bedenken geltend gemacht wurden. Stattdessen erhielt ein Wanderweg oberhalb von Zweigs Domizil, der unverfänglich ins dichte Gehölz führt, seinen Namen.

Inzwischen bekennt Salzburg sich vorbehaltlos zu einem seiner illustersten Bewohner. Längst ist das Gässchen hinauf auf den Kapuzinerberg doch noch in den verlängerten Zweig-Weg einbezogen worden, das Stefan Zweig Centre in der Edmundsburg über der Altstadt ist weit mehr als ein musealer Ort des Gedenkens, und 2014 hat sich schließlich auch eine Salzburger Bildungsinstitution den Namen Stefan Zweig gegeben, die Pädagogische Hochschule Stefan Zweig. Das verpflichtet.

Person und Werk Zweigs bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte für Haltungen und Inhalte, die angehenden Lehrerinnen und Lehrern gerade in instabilen Zeiten wie diesen überzeugend vermittelt werden sollten. Da sind einmal der aufrechte Gang, der Mut und die Lust zum selbständigen Denken in Zusammenhängen, historisch-gesellschaftliches Interesse, Wertschätzung von Kultur und Kunst, gelebte aktive Toleranz – die von kritikloser dumpfer Wurstigkeit unterschieden werden muss – und eine klare Distanzierung von nationalistischer Engstirnigkeit wie von religiöser Verbohrtheit, der Blick nach vorn auf der Basis fundierten Wissens um das Gewesene. Überhaupt: ein weiter Horizont, das Bekenntnis zu einem Europa, das sich als echtes Friedensprojekt erst entwickeln muss, indem es der Dominanz ökonomischen Kalküls viel von dem entgegenstellt, was hier aufgezählt wurde, weil das Label Stefan Zweig dafür steht.

Der erinnert sich an seine eigene Kindheit und die Lehrkräfte mit folgenden Worten: ‚Ob wir uns in der Schule wohl fühlten oder nicht, war ohne Belang. Ihre wahre Mission im Sinne der Zeit war nicht so sehr, uns vorwärtszubringen als uns zurückzuhalten, nicht uns innerlich auszuformen, sondern dem geordneten Gefüge möglichst widerstandslos einzupassen, nicht unsere Energie zu steigern, sondern sie zu disziplinieren und zu nivellieren.‘ Gegen einen solchen pädagogischen Auftrag hat Zweig ein Leben lang angeschrieben. Drei Jahre vor seinem Tod wandte er sich in einer Radioansprache an die (US-amerikanische) Schuljugend und setzte dem ein anderes Verständnis von Bildung entgegen. Der weltberühmte Autor, der allen Anlass gehabt hätte, sich überlegen zu fühlen, reiht sich darin bescheiden ein unter die lebenslang Lernenden: ‚Die neue Zeit steht nicht gerade dort still, wo unsere Schulbücher aufhören, und wir müssen uns alle darauf vorbereiten, daß wir vom Leben immer Neues zu lernen haben werden bis zu unserem letzten Tag. Aber gerade das ist ja das Wunderbare und Schöne, daß man mit seinen Erfahrungen nie fertig wird, und vielleicht darf gerade ich Euch das versprechen, weil ich in meinem Beruf Schriftsteller bin. (…) Ich habe inzwischen viele Bücher geschrieben und habe die große Freude gehabt, daß viele hunderttausend und sogar Millionen Menschen diese Bücher in den verschiedensten Sprachen gelesen haben. Aber ich stehe eigentlich genau noch dort, wo ich vor vierzig Jahren gestanden bin – das heißt, ich versuche es mit jeder Arbeit besser zu machen als mit der früheren. Ich versuche, noch immer zu lernen und mich auszubilden, und der Gedanke, ich könnte jemals sagen: „Jetzt weiß ich genug“ ist mir schrecklich.‘

Die Pädagogische Hochschule Salzburg Stefan Zweig hat einen Namenspatron gewählt, der Ansprüche stellt. An sich wie an die anderen. Er hat sie griffig formuliert. Das macht es verhältnismäßig leicht, seine pädagogischen Ideale mit der jeweiligen Praxis zu vergleichen, sie zu evaluieren: Wird vorwärtsgebracht oder zurückgehalten? Wird ausgeformt oder eingepasst? Wird Energie gesteigert oder diszipliniert und nivelliert? Werden solcherart die Neugierde, die Lust aufs Bessermachen beim nächsten Mal, aufs Wissenwollen geweckt, wie das zwischen den Zeilen Stefan Zweigs spürbar wird?

Es liegt an den Lehrenden, den Studentinnen und Studenten, sich in Forschung und Lehre zu bemühen, den Ansprüchen Stefan Zweigs gerecht zu werden, selbst wenn manche Rahmenbedingungen es erschweren mögen. Die Zweig-Stelle könnte ein digitales Diskursforum dazu werden.